Die Chefin im Labor…

labmini.jpgSäure, Base und Bine – und manchmal sogar noch etwas gefährlicher, geht es zu im Hightech Labor, in welchen ich nun arbeite und in null Komma nix befördert wurde. Von kunterbunten Flüssigkeiten bis zu Elektronenmikroskopen ist alles vorhanden, doch es geht noch spannender!…

Es ist ein genialer Job. Noch nie war ich so zufrieden, so ausgelastet und gefragt gewesen. Endlich kann ich Entscheidungen treffen. Jeden Tag fließen bis zu 1000 Tonnen Edelweine mit sechsstelligen Geldwerten durch meine Hände und warten auf meine Unterschrift, die Leben und Tod für aufwendig handgepflückte Trauben bedeutet.
Orlando Wines, Mitglied der weltweit agierenden Pernot Ricard Pacific Kette, ist Hersteller für edelste Weine mit dem Australischen Siegel. Eine der elf in ganz Australien verstreuten Winzereien, Wickham Hill, befindet sich Griffith. Die Winzerei stellt die Fruchtsäfte und Fermentierungen her, die anschließend tausende Kilometer über Highways in hochglanzpolierten Trucks bis nach Victoria transportiert werden, um aus den Säften Edelweine herzustellen.

So viel Kontakt habe ich also gar nicht zu den eigentlichen Weinen. Zum Weinen hat mich dies bisher aber noch nicht gebracht, da ich zwar gern für einen guten Tropfen zu haben bin, aber auf Arbeit sowieso kein Alkohol getrunken wird.

Die Arbeitszeiten sind hart und wären in Deutschland gegen das Gesetz. Ich arbeite zwölf Stunden am Tag, und das sieben Tage die Woche – mindestens. Das macht eine straffe Arbeitswoche von mindestens 84 Arbeitsstunden. Alle zwei Wochen gibt es einen Tag frei, insofern man nicht gebraucht wird. Wenn doch, können es auch gern mal drei bis vier Wochen durcharbeiten sein. Ich arbeite derzeit durch meine Beförderung 13 bis 14 Stunden pro Tag in Schichten von 21-9 Uhr, verlängert auf 10 oder 11 Uhr vormittags. Da bleiben gerade noch 2 Stunden für Wäsche waschen und Lebensmittel Einkauf, bevor ich dringend schlafen muss, da Nachtschichten extrem anstrengend für den Körper sind. Das Sozialleben, Freunde und die eigenen Hobbies liegen entsprechend vollkommen flach, doch der Verdienst ist es wert. Ich weiß nicht, ob ich jemals in meinem Leben einen derartigen Verdienst haben werde, deshalb nehme ich hier jede Stunde Arbeit mit, die ich kriegen kann.
Macht es mir etwas aus? Ich arbeite jetzt seit einem knappen Monat in der Nachtschicht, ein Rhythmus hat sich eingefunden und ich bin hart im Nehmen – nein, es macht mir bisher nichts aus. Die Arbeit ist nicht körperlich hart, nur sehr stressig und die Verantwortung für die Psyche eine Belastung. Dennoch freue ich mich auch heute noch auf die Arbeit – jeden Tag!

Doch kommen wir nun einmal zu einer Beschreibung, was ich so mache. Nun, ehemals war ich eine der kleinen Labortechnikerinnen, die sich alles von ihren Supervisors anhören lassen mussten, aber diese Zeiten sind nun schon seit einer Woche vorbei!
Tatsächlich, ungelernt - lediglich ein Ernährungslehre-Abi und ein bisschen Wissbegier haben mich innerhalb von zwei Wochen weiter nach oben gebracht! Nachdem ein Arbeiter gegangen ist, darf ich mich nun „Teamleader Labortechnics and Grape Maturities“ nennen! Was heißt das? Ich bin Bossin…. nein, Bossin mit der Kontrolle! ;-)
Ok, wollen wir mal nicht zu dick auftragen. Ich trage nun die Verantwortung über alle Maschinerie im Labor, kalibriere alle Geräte jeden Tag, repariere nicht funktionierende Geräte, doppelchecke Ergebnisse meiner Teamkollegen und habe das letzte Wort bei Unklarheiten. Meine Unterschrift zählt über jeder anderen, und für leitende Organe Orlandos bin ich die Ansprechpartnerin für Laborabläufe.
Mit der wachsenden Verantwortung hat sich entsprechend auch Gehalt und Arbeitszeit – und natürlich auch mein Ansehen erhöht. Und ich habe mein eigenes Büro mit Gesundheitsdrehstuhl.

So startet mein Tag wie der eines Bosses: Mit einem guten Cappuccino auf Arbeit. ;-)
Danach bin ich drei Stunden lang allein, in denen ich in Ruhe meine Geräte kalibrieren, wichtige Lösungen anmischen und standardisieren kann. Danach kommen ein bis zwei weitere Arbeiter der Nachtschicht und wir beginnen mit den täglichen Untersuchungen von Fruchtsäften. Nachdem diese gegen vier abgeschlossen sein sollten, kommen die Fermentierungen dran, die wir von den oberen Öffnungen der 10 Meter hohen Tanks holen müssen. Der Job ist hart, aber wunderschön. Jeden Morgen halb fünf, wenn ich mich mit 12 Flaschen und einem Dip an einer langen Kette auf zu den Tanktops mache, beschert mir Australien einen wunderschönen Sonnenaufgang und zaubert meine Lieblingsfarbe an den Himmel. Das unbeschreibliche Gefühl, vogelfrei und allein 10 Meter über dem Boden auf einem Gitter zu stehen und der Sonne zuzuschauen, raubt mir noch heute jedes mal den Atem und hält mich von der Arbeit ab. Doch leider muss auch diese getan werden, und so haben wir jede Nacht ungefähr 45 bis 50 Proben zu bearbeiten, und das währenddem der normale Service für den Keller läuft! Das macht in einer Schicht bis zu 70 Proben, welche das Doppelte der Tagschicht beträgt. Und dies macht die Nachtschicht so wichtig. Hier spielt sich das eigentliche Leben ab, weil die Trauben nachts geerntet werden und alle wichtigen Entscheidungen Nachts getroffen werden. Ein Labortechniker, der in der Nachtschicht ist, muss deshalb ausgezeichnetes Organisationsvermögen besitzen und außergewöhnlich teamfähig sein. Was mir als Deutsche und Schubertsche angeboren ist, fällt den Australiern um einiges schwerer – nur deshalb habe ich vermutlich die schnellste Karriere des ganzen Betriebes hingelegt.
Zu den täglichen Analysen gehören pH und TA (totale Säure), Schwefelgehalt frei und gebunden, Alkoholmenge, Mikrobakterien, Zuckergehalt, Trübung, spezifische Gravität, Pektinstabilität, Sauerstoffgehalt, Hitze- und Kältebeständigkeit und vieles mehr. Wir haben ca. 30 verschiedene Experimente, die wir jeden Tag durchführen und deren Ergebnisse uns Anhaltspunkte für weitere Experimente geben. Die Arbeit ist aufregend, besonders ich weiß nie, was mich am nächsten Tag auf Arbeit erwartet, ob eine Maschine nicht mehr in den hohen Standards läuft und wir umplanen müssen, ob ich Spezial- und Notfälle persönlich bearbeiten muss und mir das kostbare Zeit für den täglichen Service stehlen wird. Jeder Tag ist eine Herausforderung, die Räder greifen ineinander und auch der kleinste ungelernte Labortechniker hat mittlerweile kapiert, dass das hier kein Spiel ist. Ich hatte genügend Probleme mit „nicht-abiturierten“ Mädchen, die geglaubt haben, dass Spaß vor dem Job geht. Sie mussten schmerzhaft lernen und sind nun in die Schichten integriert, was mir endlich mehr Zeit für die eigentlichen Aufgaben gibt und lästiges Administrieren erspart.
In Zukunft erwartet euch noch ein weiterer Beitrag über Orlandos, der sich auf unsere Weine, den Grundsätzen und dem Arbeitsumfeld spezialisiert.  Doch für heute soll es erst einmal genug sein.

Ihr möchtet wissen, wie es bei uns im Labor aussieht? Wie der Blick in 10 Metern Höhe bei Sonnenaufgang ist? Ich habe wie immer Berge von Bildern hochgeladen: Zur Galerie.

3 Antworten zu „Die Chefin im Labor…“

  1. Waltraut Pieroth sagt:

    deine Erlebnisse hören sich atemberaubend an. Ich gratuliere zu so einem Job, der dir für dein ganzes Leben nur positves bringen kann.

  2. Gunar sagt:

    echt cool – Glückwunsch!
    Beware dont get too deep in Aussie-slavery, guy! ;-)

  3. Harter Job at Laborblogger sagt:

    [...] Quelle [...]

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