Gestern spielte sich ein Schauspiel ab, an das hier, während der schlimmsten Dürre der letzten Jahrhunderte, niemand mehr geglaubt hatte. Lasst mich erklären…
Seit fast vier Monaten hatte es nun schon nicht geregnet. Wo der Frühling die Felder Australiens in ein saftiges Grün tauchen sollte, herrschte ein gespenstiger, staubiger Hauch des Todes. Zyklone zogen einsam auf rotbraunen Äckern ihre Runden und wirbelten den wenigen losen Staub auf steinharter Erde auf. Der Himmel war strahlend blau – seit Wochen, seit Monaten schon, und die Sonne brannte unerbärmlich auf die toten Felder und letzten lebendigen Bäume, die mutig einige grüne Blätter hervor brachten. Die Schönheit des Wetters drohte die letzten grünen Zweige zu zerstören, die mit aller Kraft versuchten, sich dem Himmel entgegen zu strecken und der Trockenheit zu trotzen…
Doch eines Morgens: Die Sonne wollte eben wieder ihre unbarmherzige Arbeit verrichten und in einem roten Bad den Horizont erklettern, als ihre Strahlen die Erde diesmal nicht erreichten. Wie ein Schafspelz umhüllte eine kilometerdicke Wolkendecke die australische Erde und schützte sie.
Darunter war es nachtdunkel, obwohl der Tag gerade begonnen hatte, und es war gespenstig still. Keine Vögel zwitscherten mehr, jedes Geräusch der Natur schien verstummt zu sein oder von den dicken, dunkelgrauen Wolken abgefangen zu werden. Kein Blatt bewegte sich, kein Grashalm wiegte sich in der sonst leichten Brise. Gespannt schauten viele Augenpaare von Erwachsenen und Kindern aus den Fenstern, um den Fortgang des Schauspiels zu beobachten. Die Straßen waren leer.
Schnell zogen die tief hängenden, dunklen Wolken über die Dächer und schienen die Elektromaste zu streifen. Plötzlich frischte der Wind auf, ließ die hellgrünen Blätter der großen Bäume, die die Dürre überdauerten, rascheln und tanzen. Mit unbändigem Rauschen fegte er durch die Straßen und wirbelte roten Staub in die Luft.
Schließlich war es soweit: Die ersten, einsamen Regentropfen fielen aus den dicken Wolken und klatschten auf trockene Erde und den steinharten Boden. Nur wenige Sekunden später folgte diesen Boten eine Armada des Lebens. Millionen und Abermillionen von riesigen Regentropfen fluteten auf Dächer und Straßen und wuschen alles rein, schwemmten allen Schmutz und Staub hinweg! Man konnte förmlich hören, wie das braune Gras, die Blumen und Bäume den Regen aufsogen und tief einatmeten. Nachbarskinder steckten mutig ihre Köpfe aus der Haustür, um nach einem kurzen, misstraulichen Blick mutig nach draußen ins frische Nass zu springen. Mit Gummistiefeln und bunten Regenmänteln bewaffnet, sprangen die Großen wie die ganz Kleinen in die Pfützen, versuchten Regentopfen aus der Luft mit der Zunge zu fangen, lachten und rannten durch den Regen. Und dieser hörte nicht auf. Bäche liefen in den Rinnen der Straßen hinunter, wurden von den ehemals ausgetrockneten Gräben aufgefangen und wanderten weiter in Richtung Murray River. Hin und wieder konnte man einen jungen Menschen sehen, der, vollkommen durchnässt, mit einem Waschlappen um sein Auto herum tanzte, um es mit der Hilfe des Regens vom roten Staub zu befreien.
Nach drei Stunden war alles vorbei. Die Kakadus und Papageien sangen Lieder in den Bäumen, die Luft roch frisch gewaschen und war angenehm kühl. Viele Haustüren und Fenster standen offen, um die Luft ins Innere der Häuser dringen zu lassen. Und die Erde atmete auf. Innerhalb einer Nacht färbte sich das durchgehende Braun der Erde in ein leichtes Grün, der harte, vertrocknete Boden in ein weiches Kissen.
Es hatte endlich geregnet! Es mag nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein, aber es war ein Tropfen. Und Tropfen … machen Wasser.