[Flug 23] Russisch Roulette in der Platzrunde

plz_mini.jpgOder auch: „Vom sauren Apfel des Erfahrung Sammelns und dem Abschied eines lieben Freundes.“ Ein ganz normaler Flugsamstag war eben diesmal nicht so ganz normal…

Wieder einmal war es Samstag, wieder einmal schien die Sonne und wieder einmal klingelte der Wecker viel zu früh (9 Uhr), um mich aus den schönsten Träumen von meinem Freund zu reißen. ;-)
Samstag: Flugtag. Diese Sitte hat sich in mein Leben hier in Australien unauslöschbar verankert und wollte auch heute wieder ihre Genugtuung ergattern. Und so wälzte ich mich aus den drei Lagen meiner kuscheligen Bettdecke und trottete ins Badezimmer. Eine geschlagene dreiviertel Stunde später kam ich frisch geduscht und öffentlichkeitstauglich, aber kein bisschen munterer wieder heraus und stellte fest, dass Frühstücken jetzt wohl keine gute Idee wäre, weil mein Magen noch schlief.

So grabschte ich eine schöne große Banane, mein Logbuch, die Sonnenbrille und die Autoschlüssel und verließ das Haus – wie jeden Samstag – mit einem „Have a good day, mate!“ um das übliche „ämmhhyeah!“ aus dem Fernsehsessel meiner Mitbewohnerin zu empfangen. Die Fahrt mit lauter Jazzmusik mache mich endlich munter und ich ließ mir die Banane schmecken. Angekommen, war ein schattiges Plätzchen für das schwarze Auto schnell gefunden.
Nach der Begrüßung der Pilotenfreunde und dem Abhören der Wetterinformationen für Griffith Airport sah mein Tagesbeginn schon gar nicht mehr so rosig aus: Der Wind blies streng in Richtung der Piste, allerdings waren böenartige Seitenwinde von scheußlichen 17 Knoten zu erwarten, da sie irgendwo überm Outback mal wieder ein Sandsturm zusammen braute.

Davon wollte ich mir aber nicht so recht die Laune verderben lassen und ging schnurstracks zur süßen Jabiru, die fein säuberlich wie in einer Perlenkette neben den anderen Flugzeugen  aufgereiht war. Die täglichen Checks waren schnell gemacht, der Motor noch schneller angeschmissen und schon eierte ich gleich hinter der Tecnam, in der der Fluglehrer Wally mit einem Schüler saß, in Richtung Piste 24. Nachdem sich die alte Tecnam dann fürchterlich schwankend in die Lüfte erhoben hatte, stand ich mit meinem kleinen Flugzeug genau zwischen den zwei großen aufgezeichneten Zahlen „2 4“ der Piste und wartete geduldig, bis genügend Platz zwischen mir und der Flugschule war.
Das verschmitzte Grinsen, welches sonst mein Gesicht während eines Fluges ziert, sollte aber schon bald versiegen. Nachdem ich – noch gelassen – den Start über Funk gemeldet hatte und Vollgas reindrückte, war es mit dem Spaß vorbei. Gerade abgehoben, wurde ich von einem derart starken Seitenwind nach links gedrückt, dass ich mit vollem Ruderausschlag den Flieger scharf auf die Seite legen musste, um über der Piste zu bleiben. So schnell, wie mich der Seitenwind erfasst hatte, war es auch schon wieder vorbei und ich konnte – etwas perplex – den normalen Steigflug weiterführen.
Wo ich vorher noch über den nicht gerade formschönen Start des Flugschülers vor mir geschmunzelt hatte, hätte ich mich jetzt dafür ohrfeigen können.

Und so verlief die erste Platzrunde buckelig voller Turbulenzen, bis ich in den Endanflug eindrehte und mich weiter dem Boden für einen Touch and Go (aufsetzen und durchstarten) näherte. 70 Knoten, Klappen erste Stufe, Sinkrate konstant 500 Fuss. … nein 600 Fuss…. 700 Fuss. Ich traute meinen Augen nicht recht! Wie konnte das sein? Meine Geschwindigkeit ist absolut in Ordnung, was drückt mich hier mit aller Kraft der Erde entgegen?! Instinktiv schob ich den Gashebel nach vorn und hob die Nase um einige wenige Grad, um den Sinkflug zu stoppen. Dies funktionierte zum Glück. Allerdings befand ich mich dann schon wenige Meter von der Schwelle der Piste entfernt und war nun  viel zu schnell und zu hoch. Nach einem kleinen geübten Sideslip (Flugmanöver zum Verlieren von Höhe ohne Gewinn von Geschwindigkeit) war auch dieses Problem behoben und ich setzte – zwar nicht formschön, aber funktionell – auf der Piste auf.
Gut vorbereitet auf einen weiteren Stoß Seitenwind startete ich durch, wurde aber diesmal zum Glück verschont.
Als ich meine zweite Platzrunde drehte, spielte ich zum ersten Mal mit dem Gedanken, dass heute irgendwie „der Wurm drin“ ist. Schon wenige Minuten später wurde diese Vorahnung zur Realität. Bei meinem zweiten Anflug auf die Piste wurde ich kurz vorher gewarnt, als Wally in der Tecnam vor mir das Steuer übernahm, seinen Endanflug unterbrach und durchstartete. Ich fragte, was denn los sei, bekam aber keine Antwort. „Er scheint beschäftigt zu sein“, dachte ich mir und erhöhte meine Sinkrate, um auf den optimalen Gleitpfad zu kommen. Auf 100 Fuss (33 m) war es dann so weit: Mit 68 Knoten und voll ausgefahrenen Klappen erfasste eine derartige Böe die linke Tragfläche, dass ich – vollkommen unerwartet, da ich Böen von rechts erwartet hatte – eine kurze Schwerelosigkeit im Sitz spüren konnte. Hart den Steuerknüppel umklammernd und die Geschwindigkeit im Auge behaltend, musste ich blitzschnell reagieren, um keine Bruchlandung rechts heben der Piste zu machen.

„OK, das war jetzt aber genug“ dachte ich mir, nachdem ich wieder auf Sicherheitshöhe war und eine letzte Platzrunde einleitete. „Runter hier, dass müssen wir uns doch nicht gefallen lassen, oder Jab?“ sprach ich mit meiner „kleinen Freundin“ und wurde währenddem von saftigen Turbulenzen kräftig durch die Luft geschüttelt. Als ich zum hoffentlich letzten Mal den Entanflug einleitete, war alle Coolness und Relaxtheit vergessen. Hochkonzentriert und nervös schaute ich zu, wie meine kleine Jab und ich sich der Piste näherten, und kontrollierte immer wieder mit haschen Blicken Geschwindigkeit und Sinkrate. Und dann kam der letzte Streich des Wetters: Ich befand mich auf 15 Fuss  (5 m) und 65 Knoten über der Schwelle, als auf einmal dieser scheußliche Ton Mark und Bein durchzucke: „PIIIEP!“ Strömungsabriss!!  Fünf Meter über den Boden und eigentlich nicht möglich bei 65 Knoten!! Sofort schaltete nichts mehr im Kopf. Nur noch der Instinkt waltete in dieser Sekunde und schoss Vollgas, um die Maschine mit aller Kraft zu beschleunigen und zurück in Strömung zu bringen. Das Piepen verstummte, ich nahm Gas heraus und setzte verspätet und benommen auf der Piste auf. Einen Augenblick stand ich noch da, ausgerollt, säuberlich auf der Mittellinie. Mein Kopf allerdings war leer.
So langsam wie noch nie rollte ich zurück zum Clubhaus und reihte meine kleine tapfere Jab wieder zwischen den Flugzeugen ein.
Mit zitternder Stimme erzählte ich den Freunden von dem Scherwind, der mir soeben die Strömung genommen hatte, und holte Wally und seinen Flugschüler über Funk runter, da sicheres Fliegen nicht mehr gewährleistet ist.

Ich brauchte über eine Stunde, um mich vollkommen von diesem Erlebnis zu erholen. Doch langsam aber sicher wich die Ohmacht dem technischen Verständnis und auch ein bisschen Stolz. Ich hatte es geschafft! Ohne Fluglehrer, ohne Hilfe und ohne irgendwelche Zufälle hatte ich instinktiv in den gefährlichsten Situationen des Flugsports richtig reagiert und der Jab dabei nicht einen Kratzer zugefügt.

In Solidarität mit meinem Gemüt legte sich auch der Wind am Nachmittag, und bescherte uns nach einem guten Mittagessen auf dem Flugplatz noch einige schöne Stunden. Wie ein Reiter, der nach einem Unfall wieder in den Sattel steigen soll, traute ich mich ein weiteres Mal auf den Pilotensitz der Jab und belohnte mich und meine kleine Freundin für unsere Tapferkeit. Auf 6000 Fuss drehten wir bei tief stehender Sonne gelassene Runden in der Nähe des Airports. Über den See, zur Stadt und zurück, dann noch ein bisschen um die Wolken herum… so genoss ich eine wunderschöne Stunde allein in der Luft und erholte mich vollkommen von dem Schreck.

Wieder gelandet, war es schließlich soweit und das, was ich schon vorher erfahren musste, wurde Wirklichkeit: Der Drifter, mein „guter Freund“, mit dem ich so wundervolle Stunden frei wie ein Vogel auf 200 Fuss träumend in der Luft verbracht hatte, wurde verkauft und wird morgen früh zu seinem neuen Besitzer geflogen. Zum letzten Mal setzte ich mich auf den Pilotensitz, streifte mir den Helm über, startete den Motor und flog den Fluss entlang, wie ein Vogel, immer in Richtung des Horizontes. Die letzte Landung genoss ich ganz bewusst und rollte langsam und andächtig zurück zum Club. Hoffentlich wird sein neuer Besitzer ihn gut behandeln. Hoffentlich wird er immer eine Tasse Öl dem Benzin zumischen und niemals auf die „NO STEP“ Zeichen treten. An liebsten hätte ich ihn gekauft. Aber das ist ein Hirngespinst.
Und so fuhr ich, tief in Gedanken, wieder nach Hause. Nach einem langen und ereignisreichen Tag auf dem Flugplatz.
Und die Sonne versiegte hinter dem Horizont und beendete auch diesen Flugtag mit einem wunderbaren Farbenspiel am Himmel.

Ein paar Bilder von einem normalen Flugtag gibt’s hier: Zur Galerie.

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